2010/02/24

Die Frau in der U-Bahn

Eine Sache, die ich an Tokyo so liebe ist, dass man problemlos überall mit der Bahn hinkommt. Wer mich kennt weiß, dass Autofahren nicht gerade mein Hobby Nr. 1 ist, und ich laufe lieber die paart Meter zur Station und lass mich dann den großteil des Weges kutschieren, lese dabei und höre Musik.

Andererseits habe ich in japanischen Zügen auch schon so einiges Unangenehmes erlebt. Einmal bin ich im Rush hour Zug fast umgekippt, ich hab mal ein beinah besinnungsloses Mädchen sich die Seele aus dem Leib kotzen sehn, und einmal wurde ich auch angegrabscht. Letzteres hab ich bis jetzt immer als mein schlimmstes Zugerlebnis empfunden. Am Morgen hat dieses Erlebnis jedoch Konkurrenz bekommen.

Am Montag stieg ein paar Stationen nach mir eine Frau in den Zug. Es war mal wieder sehr eng und ich stand genau hinter ihr, und da sie etwas kleiner war als ich konnte ich genau auf ihren Hinterkopf schauen. Ihr Haar war klar erkennbar ziemlich licht, und ich hatte ein bisschen Mitleid mit ihr, weil ich annahm sie habe Haarausfall. Und das ist für Frauen meiner Meinung nach immernoch ein bisschen schlimmer ist als für Männer, vor allem, wenn sie noch so jung sind wie diese Frau es war. Ich dachte mir aber nichts weiter dabei, hüllte mich wieder in gedankliche Blase, in die ich mich in viel zu vollen Zügen immer verkrieche und starrte ins Leere.

Nach kurzer Zeit nahm ich ausden Augenwinkeln eine Bewegung der Frau vor mir war, dachte mir zunächst aber nichts dabei. Ich dachte, sie würde sich einfach nur durchs Haar fahren. Als sich die Bewegung jedoch wiederholte, schaute ich genauer hin... und stellte erschrocken fest, dass die Frau jeweils ein einzelnes Haar an ihrem Kopf griff, es zweimal um ihren Zeigefinger wickelte, und dann mit einem kleinen Ruck ausriss. Am Anfang lies sie sich zwischen dem Ausreisen immer ein paar Sekunden Zeit. Dann wurden ihre Begungen immer hektischer, immer verzweifelter. Irgendwann riss sie auch mehrere Haare gleichzeitig aus.
Obwohl ich versuchte nicht hinzuschauen, weil angestarrt werden dieser Frau bestimmt alles andere als geholfen hätte, musste ich es doch immer wieder tun. Und mir wurde schlecht.
Nicht, weil ich was sie tat eklig fand oder sonst irgendwas. Sondern einfach weil sie mir so verzweifelt vorkam. Andererseits hatte sie glaube ich keinerlei bewusste Kontrolle über das, was sie da gerade tat.
Ich stellte mir vor, wie sie später vielleicht in den Spiegel schauen würde, sehen würde, dass wieder weniger Haare da waren, und anfangen würde zu weinen.
Ich hätte mich gerne, einfach feige weggedreht, aber dafür war es zu eng.
Und ich muss zugeben, ich war beinah erleichtert, als die Frau ausstieg. Wenn man es als normales Aussteigen bezeichnen kann, wenn jemand, sobald sich die Türe öffnet, nach vorne spurtet und den Bahnsteig entlanghastet als wäre der Leibhaftige hinter ihr her. Fliehen passt da vielleicht besser ...

Naja nach dieser etwas beklemmenden Geschichte noch eine Info:
Ich bin von Freitag bis Monat mit Alex in Osaka :) Danach gibts wahrscheinlich endlich Bilder und nen neuen Post! Außerdem werd ich bei Gelegenheit mal noch die Bilder der letzten Karaokenacht hochladen! Bis denne!

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